Hallo Ihr Zwei,

„… nachdem jetzt auch die Architekten wissen, wo Süden* liegt..“. Mit diesen Worten begann der Architekt Rolf Disch einen Vortrag, den ich vor Jahren mal im Rahmen einer Freiburger Solarmesse** besuchte. Er ist dafür bekannt, dass er schon sehr früh Plusenergiehäuser konzipiert und gebaut hat, das sind Häuser die ihre benötigte Energie selber erzeugen und zwar soviel, dass sie davon sogar noch abgeben können.

Eine wesentliche Komponente dieser Häuser ist eine Belüftungsanlage, bei der die abströmende Luft ihre Wärme in einem Wärmetauscher an die zuströmende Luft abgibt. Aufgrund meiner physikalischen Kenntnisse wusste ich, dass die Wärmekapazität von Luft z.B. verglichen mit Wasser recht gering ist (intuitiv weiß das jeder, man käme ja niemals auf die Idee, einen Topf voller Wasser mit dem Föhn zu erwärmen) und ich ordnete das System der Wärmerückgewinnung mit Raumluft in die Sparte für die absoluten Sparfreaks ein.

Erst um einiges später erkannte ich, dass bei Raumlüftung noch ein anderer Effekt reinspielt: Wir hatten in meiner ersten Firma einen Schulungsraum mit extrem niedriger Decke, und egal wie langweilig oder interessant meine Vorträge waren, die Zuhörer fingen immer nach recht kurzer Zeit mit dem Gähnen an. Irgendwann habe ich dann gelesen, dass der Mensch sehr sensibel auf einen verminderten Sauerstoffanteil in der Luft reagiert, schon die Minderung um ein halbes Prozent bei 21% Normalanteil an der Luft wird als unangenehm empfunden. Bestimmt kennt auch jeder das befreiende Gefühl, wenn man in einem schlecht gelüfteten Raum das Fenster öffnen kann.

Die stetige Belüftung von Innenräumen ist eigentlich ein riesiger Komfort und von großem Vorteil für das Wohlbefinden in den Räumen. Dazu passt auch auch das Folgendes: Eine Familie, die an einem Energiesparhaus interessiert war, besichtigte ein Derartiges und fragte die Bewohner, wie denn das wäre, wenn man keine Fenster mehr öffnen darf. Die Antwort der Besitzerin bestätigt meine Bewertung von oben: „Wieso, man kann trotz einer Belüftungsanlage jederzeit die Fenster öffnen, aber wenn ich es mir jetzt so überlege, dann hat man eigentlich gar kein Verlangen mehr.“

Ein anderer Aspekt beim Wohnen: Viele haben vielleicht schonmal in den Winterferien die Behaglichkeit von Wohnungen erlebt, die komplett mit Holz getäfelt waren. Auch die angenehme Wirkung von Kachelöfen, Kaminöfen oder offenen Kaminen ist fast jedem bekannt. Das liegt daran, dass der Mensch Wärme in Form von Strahlung viel angenehmer empfindet, als die Wärme, die ihn in Form von Konvektion (Luftströmung) durch die ihn umgebende Luft erreicht. Biologisch fehlt mir dazu der Hintergrund, aber ich vermute, dass die Strahlungswärme einfach tiefer in den Körper eindringen kann und nicht nur an der Oberfläche wirkt. Mir ging es jedenfalls so, dass ich früher nach dem Radfahren in der kälteren Jahreszeit mich entweder in der warmen Wanne aufgewärmt oder noch einige Zeit gefroren habe, seit ich einen Kaminofen besitze ist das kein Thema mehr.

Nun muss man wissen, dass alle „Körper“ die uns umgeben, Wärme auf uns abstrahlen, diese Strahlungswärme aber von der Oberflächentemperatur dieser Körper abhängig ist. In einer Familie von Bekannten hatte ich am Wohnzimmertisch immer einen Platz mit dem Rücken zum großen, einglasigen Balkonfenster, wie man sie in den 60er Jahren gerne protzig gebaut hat. Hier konnte ich gut den gegenteiligen Effekt erfahren, die kalte Fläche hinter mir ließ mich trotz warmer Raumluft regelrecht erstarren.

Hier wird nun der Komfort deutlich, den man durch die Dämmungsmaßnahmen an Häusern erreichen kann. Die Oberflächentemperaturen der Wände und Fenster kann man bei kalter Witterung auf die Schnelle schon mal einfach mit der flachen Hand prüfen, wen es genauer interessiert sollte es mit einem elektronischen Thermometer***, das die Temperatur aufgrund der Wärmestrahlung bestimmt, durchführen. Eine Steinwand kann bei guter Dämmung fast die gleiche Oberflächentemperatur wie eine Holzvertäfelung erreichen!!!

Als ich 1995 mit meiner Partnerin mein Haus kaufte, haben wir die vorhandenen einglasigen Fenster nach dem damals schon guten technischen Stand durch doppelglasige, metallfilm-beschichtete und kaum teuerere Versionen mit einem K-Wert von 0,9 ausgetauschen lassen (Standard war damals 1,3 bis 1,1). Mittlerweile sind die besten Standards dreiglasig und so weit ich weiß schon bei einem K-Wert von 0,6 (heutzutage heisst das auch U-Wert und wird genauestens je nach Rahmen und Fenstergröße berechnet).

Ich habe in diesem Blog ganz gezielt immer über den Komfort gesprochen, beim Energiesparen wird ja immer gerne erstmal die Rentabilität in den Vordergrund gerückt und im Zweifelsfall schickt man die Anderen vor, aber beim Thema Wellness drängeln sich die Pappenheimer unabhängig von den Kosten alle immer ganz vorne.

Was hier noch ganz gut reinpasst ist eins der dämlichsten Argumente, das ich zu der Thematik Energie gehört habe: Einige Leute meinen, in Deutschland macht es keinen Sinn die Photovoltaik zu nutzen, das sollten die Südländer machen. Genauso bescheuert wäre es, wenn man sagen würde, die dreiglasigen Fenster sollten nur die Russen in Sibirien einbauen.

Gruß Bernd

*PS: Anhand der energetischen Beurteilung von neuen Bauten muss man wirklich vermuten, dass die Branche der Architekten in Sachen Physik und Energiesparen völlig unterbelichtet ist. Das schreit nach neuen Ausbildungsinhalten in einer für diese Thematik entscheidenden Branche. Ob auch gerade der viele Kunststoff für die Isolationsmaßnahmen der Weisheit letzter Schluss ist oder nicht vielleicht natürliche Stoffe besser sind, wird sich wohl noch zeigen müssen.

**PPS: Bei der gleichen Veranstaltung habe ich auch einen Vortrag von Hermann Scheer erlebt. Er hatte gerade das EEG auf den Weg gebracht und in der anschließenden Diskussion konnte man erkennen, dass selbst die Energiefreaks nicht blickten, welch großen Stein dieser Mann damit gerade ins Rollen gebracht hatte.

PPPS(29.11.2013): Mir ist grad noch was eingefallen, was zu diesem Post passt. Zur Einschätzung der Wärmeverluste am Haus sind bestimmt die Bilder einer Wärmebildkamera gar nicht zu unterschätzen (Visualisierung!!!). Aber eine schnelle Beurteilung für das Dach und den Sockel kann man sich im Winter verschaffen, wenn man die Häuser beim Schneeschmelzen vergleicht. Irgendwo in Bayern gab es sogar vor Jahren mal einen Ort in dem man mit dem Hubschrauber die Energiesünder von oben ausgemacht und zum Isolieren verdammt hat.

PPPPS(19.12.2013): Noch einen guten Tipp, den ich hier loswerden kann. Im Bad ist natürlich eine Fussbodenheizung ein toller Komfort, aber die braucht je nach Gebäudeisolation gegebenenfalls auch ordentlich Energie und muss aufgrund ihrer Trägheit auch fast immer eingeschaltet sein.

Eine günstige Variante hatte ich mir überlegt: Der Aufwand in dem bestehenden Gebäude wäre viel zu groß gewesen und so hab ich bei der Badrenovierung einfach Kork (isoliert gut, bereits 2mm reichen, lässt sich auch mit einfachen Dispersionsfarben farblich gestalten) auf die alten Fliesen geklebt. Der Unterschied zu den kalten Fliesen war zum Beispiel wenn man nachts barfuß auf Toilette geht wie erwartet gewaltig.

Mir war auch klar, dass die Versiegelung den Effekt wieder mindert und hab deswegen einen ganz dünnen Wasserlack verwendet, den man auch von den Parkettböden her kennt. Der Nachteil dabei ist, dass man Wasserpfützen nicht stundenlang stehen lassen kann, weil dies dann schon diesen Wasserlack angreift. Bei kurzer Nässe ist das kein Problem. Vielleicht haben die Fachleute da noch was Besseres auf Lager.

***P5S(21.01.2014): Nachdem ich diese besonderen Thermometer in Prospekten von Baumärkten schon gesehen hatte, gabs die Dinger sogar schon beim Aldi (meine Posts wirken gut). Ich hab noch keins in Echt gesehen, aber ich hoffe es hat einer mitgedacht und die Geräte können gleichzeitig die Raumtemperatur messen. Diese Differenz müsste auch, neben dem Bezug auf die Außentemperatur, ein gutes Gütekriterium sein.

P6S(24.02.2014): Eine gute Übersicht zum Thema Dämmstoffe vom FIW München gibt es hier.

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