Die Bilanzen muss man eigentlich noch in Bezug zur Wirtschaft (BIP) des jeweiligen Landes setzen, der lange Balken bei der USA wird dadurch harmloser, der von Griechenland umso dramatischer.

Hallo Ihr Zwei,

in der Zeit meiner Kindheit sind wir mit der kompletten Familie regelmäßig an Ostern oder Pfingsten aus der Pfalz in die Heimat meines Vaters an den Bodensee gefahren. Die gewählte Route führte dabei, da die Alternative über Stuttgart noch nicht durchgängig existierte, bis nach Straßburg durchs Elsaß und anschließend quer durch den Südschwarzwald, auf dem Rückweg natürlich die gleiche Route umgekehrt.

Woran ich mich sehr intensiv erinnere, dass ich als kleiner Pimpf an den Grenzübergängen immer Blut und Wasser geschwitzt habe, ob die Grenzbeamten mit ihrem meistens strengen Blick und ihrer Uniform (vor allem die ungewohnten französischen mit den noch höheren Chapeaus waren besonders furchteinflößend) die Schranke öffnen und uns durchfahren lassen, oder irgendetwas Schlimmeres (Durchsuchung, Festsetzen, Eltern verhaften) passiert. Meine Erleichterung hinterher war jedenfalls immer riesengroß, aber irgendwie konnte ich damals auch schon den Kick geniessen (zumindestens hinterher), den diese Abenteuer boten.

Auf irgendeiner Heimfahrt, ich kann nicht mehr sagen, wie alt ich damals war, kamen meine Eltern auf die Idee in Frankreich noch Brot für den Abend zu kaufen. Ich war absolut davon überzeugt, dass wir jetzt schmuggeln und habe auf der Restfahrt zur französich-deutschen Grenze meinen Eltern eine einzige große, laute Standpauke gehalten. Ich hatte zwar bemerkt, dass sie mich nicht ganz ernst nahmen (ich erinnere mich sogar noch an das unterdrückte Lächeln meiner Mutter, die Eltern und großen Geschwister haben sich bestimmt köstlich amüsiert), was mich aber nur noch mehr aufbrachte. Aber wir hatten Glück, da der elsässisch-pfälzische Grenzübergang sehr klein war, kam es auch vor, dass die Schranken ganz einfach offen standen und gar kein Zollbeamter zu sehen war, wir konnten auch an dem Tag einfach durchfahren. Wir wurden nicht geschnappt.

Wie es das Schicksal manchmal so will, war dann eine spätere langjährige Partnerin von mir von Beruf Zöllnerin, bei unseren Reisen war dann ich immer der Schmuggler und sie hielt mir die Standpauken.

Wie Lieschen Müller dachte ich früher, dass die LKW-Schlangen an Grenzübergängen dadurch entstehen, dass da eben die ganzen Ladungen kontrolliert werden müssen. Durch die Zöllnerin habe ich dann Einblick in den riesigen Verwaltungsaufwand bekommen, mit dem der Warentranfer in andere Länder begleitet wird. Zum Einen regeln die Händler dadurch den Ausgleich der verschiedenen Umsatzsteuerrniveaus (bei uns Mehrwertsteuer) in den Ländern, aber viel wichtiger ist die ganz genaue Erfassung der Waren, die ins Land kommen oder das Land verlassen.

Bei den heutzutage innereuropäisch aufgelösten Grenzen, könnte man vermuten, dass dieser Aufwand nicht mehr betrieben wird: Weit gefehlt! Er hat sich nur verlagert, die Bürokratie tobt sich zwischen den Büros der Speditionen und den lokalen Zollämtern aus.

Das Ganze macht aber auch Sinn: Die genaue Erfassung des Handels über die Grenzen eines Landes bestimmt die wichtigste Größe für die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage: Der Unterschied zwischen Import und Export bestimmt die Handelsbilanz, die entscheidende Größe für den Wohlstand eines Landes!!!!

Das ist genau wie bei jeder Firma, jedem Laden oder sogar der schwäbischen Hausfrau: Solange mehr ver- als gekauft wird, bleibt was in der Kasse übrig (wobei die schwäbische Hausfrau im günstigsten Fall ihren Mann an Daimler oder Bosch verkauft hat).

Für die Finanztransaktionen zwischen Staaten gilt im Prinzip die gleiche Strenge bei der Erfassung, ist aber gerade in der heutigen Zeit von EDV sowieso kein Problem mehr. Wichtig an dieser Stelle ist die Erkenntis, dass bereits Zinszahlungen für internationale Kredite eigentlich nicht Anderes als Importe sind.

Eurokrise: Ich hoffe beim geneigten Leser trapst spätestens jetzt die Nachtigall… genau, eigentlich haben wir die europäischen Schuldenländer mit den niedrigen Zinsen zu Beginn der Euroeinführung nur erfolgreich angefixt und diese hängen jetzt mit der mutwillig verwehrten Möglichkeit pleite zu gehen ganz einfach für immer an der Nadel. Kurz bevor sie wirklich hopps gehen, müssen die Dealer natürlich immer ein bißchen Stoff (zu verzinsendes Kapital) reingeben und die Abhängigkeit wird mit der Zeit immer größer.

An dieser Stelle wird für den Ein-oder Anderen bestimmt auch ein grundsätzliches Problem der Weltwirtschaft deutlich. Da es sich um eine HandelsBILANZ handelt, ist der Exportüberschuss der gesunden Länder auch gleichzeitig immer der Importüberschuss bei den kranken Ländern, in der Summe geht das naturgemäß weltweit Null auf Null auf. Da diese Abhängigkeit ganz klar das gesunde Wirtschaften in den ärmeren Ländern vereitelt, muss man ganz deutlich sagen, dass wir letztendlich unseren Wohlstand auch aufkosten der Ärmsten erwirtschaften.

Eine Alternative als Lösung für eine humanere Weltwirtschaft habe ich an dieser Stelle noch nicht parat, von der Masse derer, die auf der Sonnenseite leben erwarte ich auch gar nicht, dass sie was verändern wollen. An dieser Stelle kämen für mich Leute ins Spiel, die sich Nächstenliebe und Barmherzigkeit auf die Fahnen schreiben, aber soweit ich das grade mitkriege debattieren die „Führer“ dieser Gruppe meistens lieber über die das Verbot der Sakramente für Geschiedene, das gemeinsame Abendmahl, Frauenpriesterschaft, Sex vor der Ehe und über die Jungfräuligkeit Mariäs.

Dass das vor dem gerade geschilderten Hintergrund kaum noch jemand ernst nimmt, bekommen die hohen Herren (ähnlich wie bei Honecker in seiner Spätphase) wohl gar nicht mehr mit.

Bitte kein Missverständnis: Ich habe jetzt schon oft Kirchenbashing betrieben wobei es in dem Bereich bestimmt viele Menschen gibt, die aufrichtig das Gute im Sinn haben und denen man damit eigentlich Unrecht tut. Aber trotzdem sollte man sich auch als Christ der Gefahr der Naivität, nur an den Symptomen zu operieren und nicht die Ursachen zu bekämpfen, bewusst sein. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch aus dem Bereich richtige Impulse kommen, schließlich waren die Kirchen vor längerer Zeit auch schon mal die Vorreiter in Wissenschaft und Kultur.

Gruß Bernd

PS: Was ganz Anderes, die zur Zeit wieder umstrittene Nutzung von erneuerbaren Energien ist eine hervorragende Möglichkeit für viele Länder, die Außenhandelsbilanz in ganz relevanter Größenordnung aufkosten von reichen Staaten aufzubessern. Die Länder, die diese neuen Technologien nicht nutzen, gleichen eigentlich den Bürgern aus Schilda, die ihre Häuser ohne Fenster bauten und dann das Sonnenlicht mit Eimern in das Gebäude bringen mussten.

PPS: Das ganze „innenpolitsche“ Hickhack um Löhne, Sozialleistungen, Renten usw. ist folglich der Kampf um den erwirtschafteten Wohlstand im jeweiligen Land unterhalb der Außenhandelsbilanz, wobei aber auch das Anhäufen von lateralen Schulden ganz klar als das Schlachten der Sparscheine der wehrlosen Kinder und Kindeskinder gebranntmarkt werden muss.

PPPS: An dem Chart über Lohndumping sieht man gut, wie wir Deutschen mit unserer eh schon hervorragenden Bilanz mit der Agenda 2010 unserer europäischen Partner zusätzlich ausgebremst haben.


PPPPS: Apropos schwäbische Hausfrau, der kam gerade noch auf SWR1: Was ist das größte Kompliment, das man einer Solchen machen kann? Indem man ihr sagt „Mensch, du siehsch awwer abgschafft aus“.

Px5S: Ich habe mittlerweile sogar noch ein Chart gefunden, dass den Zusammenhang zwischen Energieimporten und Aussenhandelsbilanzen für 27 Eurostaaten direkt aufzeigt, es stammt aus einem Bericht „Eurorettung nur mit Green New Deal“ der Grünen im EU-Parlament Sven Giegold und Sebastian Mack.

Px6S(23.11.2013): Es hat lange gebraucht, aber scheinbar haben ein paar Leute zu denken angefangen. Gerade zur Zeit ist das Thema „Exportüberschuss“ auf einmal überall Thema. Ein guter Artikel hierzu gibt es hier in einem Gastbeitrag in der FAZ von Daniel Gros und Thomas Mayer. Sie versuchen zwar die Exportstellung von uns Deutschen (wie alle Deutschen) zu rechtfertigen und gibt nicht ganz meine Auffassung wieder, aber viele Zusammenhänge sind gut erklärt.

Px7S(25.11.2013): Es gibt noch ein interessantes aber wichtige Detail. Für die Berechnung der Außenhandelsbilanzen werden neue Regeln eingeführt. Forschung und Entwicklung (F+E) wird zukünftig richtigerweise als Investition verbucht. Die Katastophe an dem neuen Verfahren ist aber dass zukünftig Rüstunggüter nicht mehr als Konsumgüter sondern ebenfalls als Investition verbucht werden sollen. Da waren wohl wieder die Kriegs- und Waffenfreunde am Werk. Waffen als Investitionsgut zu sehen ist eigentlich schon eine Aufforderung zum Kriegführen mit dem Ziel Werte zu erobern.

Px9S(12.12.2013): Vor dem obigen Hintergrund sind das Entstehen des Freihandelsabkommens und die Konferenz von Bali (Link) eine verheerende Entwicklung, vor allem für die Entwicklungländer.

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